Auch am diesjaehrigen World Economic Forum wird die ueberwiegende Mehrzahl
der Teilnehmenden Maenner sein, denn nach wie vor sind "global leaders" vorwiegend
maennlich, sei es nun in Politik, Wirtschaft, Medien oder Kultur. Nach wie vor
ist festzustellen, dass der Kapitalismus auf patriarchalen Strukturen basiert,
wie seit jeher "subventionieren" Frauen mit ihrer un- und unterbezahlten Arbeit
die markt- und geldorientierte oekonomie. Trotzdem lohnt es sich, den Ausspruch
"Global Players sind (meist) Maenner - Global Loosers (zuallererst) Frauen"
(1) und die den Frauen zugewiesene Rolle im globalisierten Kapitalismus etwas
genauer anzuschauen.
Die vereinten Nationen sprachen in einem 1995 von ihnen herausgegebenen Dokument
(2) von der "Feminisierung der Beschaeftigung". Tatsaechlich stieg der Frauenanteil
der Lohnabhaengigen in den Laendern des Suedens, die in den 70er bis 90er Jahren
ein steiles "Wirtschaftswachstum" dank Weltmarktfabriken (vor allem Textilindustrie
und Mikroelektronik) aufweisen koennen - z.B. in Suedostasien - von 25 auf 44
Prozent (3). Doch verlagerten und verlagern transnationale Konzerne nicht der "flinken
Frauenhaende" oder der "weiblichen Faehigkeiten" wegen ihre Produktion in den
Sueden, um Frauenarbeitsplaetze zu schaffen, sondern sie nuetzen die Ausbeutbarkeit
von unorganisierten jungen Frauen schrankenlos aus. Wenn auch eine Anstellung
in einer Weltmarktfabrik fuer viele Frauen aus laendlichen Gebieten im Trikont
eine der wenigen Moeglichkeiten darstellt, sich dem engen Familienrahmen zu
entziehen, ist der Preis, den die Frauen dafuer bezahlen, hoch: zwangsarbeitsaehnliche
Bedingungen, keinerlei Schutz oder Rechte am Arbeitsplatz, miserable Loehne,
so dass sie sich kaum je eine eigene Existenz aufbauen koennen. Heiraten sie
und werden sie schwanger, werden sie entlassen. Die auslaendischen Investoren
schaffen zwar einige Arbeitsplaetze, doch groesstenteils profitieren sie vom
"Standortvorteil Frauen", und fuer viele Volkswirtschaften ist billigste Frauenlohnarbeit
in freien Produktionszonen ein Mittel, um sich als Produzenten und nicht mehr
nur als Rohstofflieferanten auf dem Weltmarkt zu behaupten versuchen. Unterbezahlte
Frauenarbeit wird durch die kapitalistisch-patriarchale Struktur legitimiert,
die dem Mann die Rolle des "Ernaehrers" und der Frau die der "Hausfrau" und
im "besten" Fall "Zuverdienerin" zuweist. Wenn auch im Sueden die grosse Mehrheit
der Familien von den Frauen ernaehrt wird, und nur gerade 30% der Haushalte
nach dem "Mann als Ernaehrer"-Modell funktionieren.
Das kapitalistische Patriarchat entwertet die volkswirtschaftlich erfasste Frauenarbeit zu blosser "Zuverdienerinnen-Arbeit". Den groessten Teil der Frauenarbeit - Haus-und Subsistenzarbeit im Sueden, blosse Hausarbeit mit allem drum und dran im Norden - jedoch wird ueberhaupt gar nicht als Arbeit angesehen, sondern als "Liebesdienst" oder "ihrer Natur entsprechende Taetigkeit" definiert. Neben der eingangs beschriebenen Arbeit in einer "Weltmarktfabrik" dehnt sich der informelle Sektor auf verschiedene Bereiche aus: Heimarbeit, illegalisierte Arbeit in der Landwirtschaft, Dienstboten- und Hausangestelltenarbeit, Strassenverkauf, Prostitution etc.: Alles ungeschuetzte, prekaere und risikoreiche Beschaeftigungen. Im informellen Sektor sind weltweit viel mehr Frauen beschaeftigt als im formellen Sektor (4). Doch gerade die in diesem Bereich un- oder unterbezahlt geleistete Produktions- und vor allem Reproduktionsarbeit ermoeglicht das Funktionieren des Kapitalismus'. Was waere ein Bankdirektor ohne gebuegeltes Hemd? Was eine Versicherungsagentur, die nicht taeglich gereinigt wird? Was der gesamte Weltmarkt, wenn Frauen keine Kinder gratis austragen und erziehen wuerden? Wie wuerden Treffen der "global leaders", wie das WEF in Davos eines ist, ohne die entwertete Frauenarbeit funktionieren?
Die entloehnte Beschaeftigung von Frauen ist in den letzten 20 Jahren erheblich
angestiegen. Das "Mann als Ernaehrer"-Modell verliert in der Praxis an Bedeutung,
doch sowohl die Hoehe der Entloehnung von Frauen wie auch die Errungenschaften
des Sozialstaates richten sich nach wie vor danach, wenn auch in Westeuropa nur
noch ein Drittel aller Haushalte (5) nach diesem Modell organisiert ist. Doch der
seit dem 2. Weltkrieg sich ausbauende Sozialstaat - wo er jemals existiert hat
- wird seit Anfang der neunziger Jahre immer "schlanker". Frauen sind als "Stossdaempfer
des Sozialabbaus" (6) eingeplant, sei es durch das individuelle Zurueckkehren "an
den Herd" oder durch die im sozialen Ehrenamt in erster Linie von Frauen geleistete
Arbeit.
Die fuer den Fordismus zentrale Trennung zwischen Privatem und oeffentlichem,
Reproduktion und Produktion, wird in der Globalisierung zunehmend verschoben,
doch keineswegs in dem Sinne, wie es die neue Frauenbewegung forderte. Vielmehr
muessen sich Frauen in einer Mischung von Arbeit in beiden Bereichen eine Existenzsicherung
suchen. "Sie verrichten auf Abruf bezahlte Tele- und Heimarbeit in der privaten
Sphaere (Haushalt), oder sie sind in sweatshops (weder privat noch oeffentlich
reguliert) zu finden und haben vielfach ihre Babies auf den Ruecken geschnallt." (7)
Informelle und abgewertete Arbeiten werden in den Metropolen vor allem von - zum
Teil illegalisierten - Migrantinnen verrichtet. Seien es Heimarbeiterinnen in
der Textil- und Elektronikindustrie, (meist illegalisierte) "Raumpflegerinnen"
oder Sexarbeiterinnen, rechtlich ungeschuetzte Saisonarbeiterinnen im Gastgewerbe
oder durch Heiratsvermittlung gekaufte Reproduktionsarbeiterinnen fuer europaeische
Maenner mit dem Beduerfnis nach "gefuegigen natuerlichen nicht emanzipationsgeschaedigten
Frauen": der Bedarf nach ausbeutbaren Frauen ist gross und wird durch die tendenzielle
Feminisierung der Migration aus dem Sueden und Osten befriedigt.
Weisse, gutgebildete, sozialprivilegierte Frauen im Norden hingegen koennen durchaus
mit den Maennern auf dem Arbeitsmarkt in der Finanz- und Geschaeftswelt konkurrieren.
Aber anstatt, dass ihre Maenner die Reproduktionsarbeit uebernehmen wuerden, werden
dafuer Frauen unterer Schichten - meist (illegalisierte) Migrantinnen - eingestellt,
die meist in ausbeutbaren ungeschuetzten Arbeitsverhaeltnissen, die Reproduktionsarbeit
verrichten. Westliche sozialprivilegierte Frauen koennen sich also ihre "Emanzipation"
auf Kosten auslaendischer Frauen aus unterprivilegierten Laender kaufen. Dies
verdeutlicht, dass der Kategorie Geschlecht sowohl die Kategorie Ethnie als auch
die Kategorie Klasse hinzugefuegt werden muss, um die geschlechtliche und internationale
Arbeitsteilung zu begreifen.
Die eingangs beschriebene Feminisierung der Lohnarbeit bezeichnet nicht nur die
wachsende Anzahl Frauen, die eine (unter-) bezahlte Arbeit verrichten, sondern
zeigt auch auf, dass zur Profitmaximierung immer "flexiblere" und "anspruchslosere"
Arbeitskraefte herangezogen werden. So entsprechen Frauen mit ihren diskontinuierlichen
Lohnarbeitsbiographien infolge von Schwangerschaft, unentgeltlicher Kindererziehung,
Altenbetreuung etc. den Anforderungen des flexibilisierten und informalisierten
Arbeitsmarktes. Diesen Anforderungen muessen je laenger je mehr alle entsprechen,
die Arbeit suchen: Was bislang fuer Frauen galt, wird nun vermehrt auch zur Realitaet
von Maennern.
Dennoch bleiben gewisse Kontinuitaeten bestehen: Die Lohnverteilung bleibt geschlechtsspezifisch,
so verdienen beispielsweise in den USA weisse weibliche Erwerbstaetige gerade
74%, afro-amerikanische Frauen nur gerade 65% und Latinas lediglich 57% der maennlichen
Durchschnittseinkommen (8).
So auch in der Schweiz: Die Loehne der Frauen sind im Durchschnitt deutlich tiefer
als jene der Maenner. Im privaten Sektor besteht eine Lohndifferenz von 23% zwischen
dem standardisierten monatlichen Bruttolohn der Frauen und dem der Maenner. Im
oeffentlichen Sektor macht dieser Unterschied 13% aus. Betrachten wir die Niedrigloehne,
sticht der Geschlechterunterschied besonders hervor: Einen monatlichen Nettolohn
unter 3700 Franken haben im privaten und oeffentlichen Sektor zusammen rund 40%
der vollzeitbeschaeftigten Frauen, dagegen nur 10% der vollzeitbeschaeftigten
Maenner (9).
Die bedeutendste Kontinuitaet bildet immer noch die Verteilung der unentgeltlichen Haus- und Subsistenzarbeit. So wird beispielsweise in der Schweiz in Paarhaushalten mit Kindern unter 15 Jahren die Haus- und Familienarbeit zu 90% von Frauen verrichtet, zu 7% gemeinsam, zu 2% verrichtet sie jemand anderes und nur zu 1% von Maennern (10). Bestehen bleibt sie sogar dort, wo Maenner durch weniger Lohnarbeit als ihre Partnerinnen fuer die Hausarbeit Zeit haetten. Fuer Frauen bedeutet es eine Mehrfachbelastung zwischen Lohnarbeit, Kindererziehung, Hausarbeit, Gartenarbeit, politischer Aktivitaet, gemeinnuetzigem Ehrenamt...Der Staat spart auf dem Buckel von Frauen, so werden beispielsweise Krippenplaetze abgebaut, die Altenbetreuungung privatisiert oder die Mutterschaftsversicherung nur zoegerlichst eingefuehrt. Dies verdeutlicht, dass der Staat weder die Geschlechterhierarchien aufheben kann noch will. Es heisst aber keineswegs, diese Aufgaben nicht mehr vom Staat einzufordern, sondern, dass wir, statt nur auf den Staat zu setzten, eine Repolitisierung unseres Alltages und die "Veralltaeglichung" der Politik fordern und umsetzen. Dies wuerde heissen, anstatt nur die Machenschaften der "Grossen und Boesen" auf makrooekonomischer Ebene anzugreifen, die Auswirkungen auf den Alltag in den Metropolen und im Trikont nicht nur am Rande zu betrachten und die Widerstaendigkeiten und autonomen Selbstorganisierungen auf der alltaeglichen Ebene ins Zentrum zu ruecken. Denn ausgehend von der Identitaet von "Weg und Ziel" muessen wir nach Lebensformen suchen, in denen unbezahlte und bezahlte Arbeit - sei es nun Produktions- oder Reproduktionsarbeit - gleichgewertet und von Maennern und Frauen gleichmaessig getragen wird. Denn eine Kapitalismuskritik, die auf dieser Ebene ansetzt und praktiziert wird, stoert mehr als alle antikapitalistischen und klassenkaempferischen Parolen die Akkumulationslogik des "freien" Marktes.
Anmerkungen:
(1) Titel eines Artikels von Manuela Reimann in der FriZ 3/38
(2) United Nations, 1994 World Survey on the Role of women in Devlopment. Women
in a Changing Global Economy, New York 1995
(3) ebenda
(4) Brigitte Young, in "Genderregime und -staat in der globalen Netzwerkoekonomie"
in Prokla 111, Juni 1998
(5) Gisela Notz, anlaesslich eines Referates ueber Feminisierung der Armut a,
Kongress "Neoliberalismus weltweit" in Muenster im November 1998
(6) Christa Wichterich in "Callgirls der Globalisierung" in ak 420, 19.11.98
(7) siehe 4
(8) siehe 6
(9) Bundesamt fuer Statistik, Faltprospekt: Auf den Weg zur Gleichstellung?,
1998
(10) ebenda.